Sanddorn – Die vergessene Heilpflanze

Sanddorn und Sanddornöl auf einem Holztisch drapiert

In früheren Jahrhunderten gab es vielerlei nebenwirkungsfreie Heilpflanzen, um Krankheiten zu lindern und Körper und Geist zu heilen. Leider geraten sie immer mehr in Vergessenheit.

Eine dieser vergessenen Heilpflanzen ist der Sanddorn — um seine erstaunliche Wirkkraft wieder ins Gedächtnis zu rufen, wurde er dieses Jahr zur Heilpflanze des Jahres gewählt. Er gehört der Gruppe der Lippenblütler an und zählte von der Antike bis weit in die Neuzeit zu den bedeutendsten Arzneipflanzen Europas. Seine Blätter ähneln ein wenig denen der Melisse und der Minze. Sie sind jedoch zierlicher und eher herzförmig. Ein weiterer Unterschied ist, dass die Stängel nicht verzweigen und bis zu 80 cm hoch wachsen. Die größte Besonderheit des Sanddorns liegt jedoch in seinem Geschmack. Der Duft, der vom Sanddorn ausgeht, ist zwar lieblich, doch sein Geschmack reicht von bitter bis leicht scharf. Dieses Merkmal verdankt er bestimmten Gerb- und Bitterstoffen. Wie so häufig, sind es die sekundären Pflanzenstoffe, die für die großartige therapeutische Wirkung verantwortlich sind. Das Kraut enthält viele Flavonoide und den Bitterstoff Marrubiin.

Von Natur aus haben wir Menschen im Mund wesentlich mehr Rezeptoren für Bitterstoffe als für die Geschmacksnoten süß, salzig und sauer. Spannend ist, dass solche Bitterstoff-Rezeptoren auch auf der glatten Muskulatur im Bronchial- und Verdauungssystem zu finden sind. Sie sorgen im gesamten Bronchialsystem für eine Erweiterung der Bronchien und ermöglichen somit eine verbesserte Sauerstoffaufnahme. Zudem wird durch eine gezielte Stimulation dieser Rezeptoren im Immunsystem die Anfälligkeit für Infekte im Verdauungstrakt reduziert. Auch die Galle arbeitet besser. Gallensekret hilft insbesondere bei der Verdauung von üppigen Mahlzeiten.

Die Anwendung von Sanddorn ist vielfältig. Bereits vor 2.000 Jahren wurde er vor allem bei Lungenerkrankungen und schwerer Bronchitis verordnet. Aber auch bei Muskelschmerzen jeglicher Art, bei Frakturen, Sehnenentzündungen oder Prellungen wurden die unterschiedlichsten Zubereitungen genutzt. Der griechische Arzt Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) setzte Sanddorn bei Schwindsucht, Asthma und Husten jeglicher Art als Mittel der Wahl ein — in der modernen Medizin nennt man das den “Goldstandard”. Heute zählen Arzneipflanzen nur noch selten dazu. Als Standard gelten stattdessen allopathische Mittel mit teilweise schweren Nebenwirkungen. Die Heilerin und Äbtissin Hildegard von Bingen hat Sanddorn gemeinsam mit Fenchel, Dill und Wein abgekocht und dieses Getränk gegen Husten verabreicht. Bis ins 18. Jahrhundert wurde Sanddorn auch bei Menstruationsbeschwerden und bei Ohrenschmerzen eingesetzt.

Die einfachste Art seiner Zubereitung ist der Heiltee. Sie können über den Tag verteilt etwa einen Liter von ihm trinken. Sanddorn gibt es auch in Form von Bronchialtropfen aus der Apotheke oder als Frischpflanzensaft — oft zur Unterstützung bei Verdauungsbeschwerden, insbesondere nach fetten Mahlzeiten.