Übergewichts-Pandemie

Eine Ärztin misst mit einem Maßband den Taillenumfang einer stark übergewichtigen Frau

Die Menschen bei uns nehmen weiter zu. Bereits 53 Prozent der über 18-Jährigen sind übergewichtig. Und die Fettleibigkeit bei Kindern steigt bereits seit 40 Jahren rasant an. Angefangen hat das in den 1970er- und 1980er-Jahren, als die Lebensmittelindustrie mit der Massenproduktion von Fertigprodukten begann. Der Gehalt an schlechtem Fett und Zucker in den Lebensmitteln wurde enorm angehoben. Gleichzeitig startete das Zeitalter des Auswärtsessens.

In Restaurants, Tankstellen, Bücherläden, Möbelhäusern, im Kino – überall wurde Essen zu fast jeder Zeit verfügbar. Die Häufigkeit der Nahrungsaufnahme erhöhte sich um mindestens 25 Prozent.

Medizinische Aufklärung über das Übergewicht und die dadurch bedingten Krankheiten nutzte nichts. Auf Hinweise, wie man sich gesünder ernähren könnte, reagieren die meisten Menschen eigenartig und eher verhalten. Sie freuen sich über die Informationen und wollen sie umsetzen – zumindest nehmen sie sich dies für das nächste Jahr oder morgen vor. Nur das Morgen verschiebt sich täglich. Natürlich spielt bei Übergewicht auch mangelnde Bewegung eine Rolle. Aber die übermäßige Kalorienzufuhr in Form von schlechten fett- und zuckerhaltigen Nahrungsmitteln über den ganzen Tag verteilt ist der weitaus größte Faktor.

Das ist fatal, denn genetisch angepasst sind wir auf viel seltenere und unregelmäßige Nahrungsaufnahme. Immer essen, wenn es etwas gibt und dann so viel wie möglich, um nicht zu verhungern. Deshalb haben wir den instinktiven Drang nach süßen, fettigen und üppigen Mahlzeiten oder Snacks. Ihr Aussehen, ihr Geruch und Geschmack beeinflussen dabei unsere Entscheidung und verleiten uns dazu zuzugreifen. Der Kampf gegen das Übergewicht bei vollen Kühlschränken ist deswegen ein stetiger Kampf gegen unsere Biologie. Kein Wunder, dass die um diese Zusammenhänge wissenden Marketingstrategien bestens funktionieren.

Mit riesigen Summen werden ungesunde Nahrungsmittel beworben. Speziell die Kinder werden hier ins Visier genommen. Es sind ausgebildete Psychologen, die Marketingkonzepte erstellen, um die Kinder so zu manipulieren, dass die Eltern fast dazu gezwungen sind, ihren Kindern diese beworbenen Produkte zu kaufen. Vieles daran erinnert an die Hochzeiten der Zigarettenindustrie. Und wie lange hat es gedauert, bis dieser tödlichen Gewohnheit zumindest mit Werbeverboten Einhalt geboten wurde.

Pflanzliche nicht oder kaum verarbeitete Lebensmittel sind nicht lukrativ für die Industrie. Am profitabelsten sind hoch veränderte Produkte mit hohem Fettanteil, viel Salz, Zucker, künstlichen Aromen, um wertvollen Geschmack vorzugaukeln und durch künstliche Farbstoffe Frische und Wertigkeit vorzutäuschen.

Es ist so sehr an der Zeit, dieses System aufzubrechen und den Fokus auf ehrliche, gesunde Lebensmittel zu legen. Ein Mammut-Vorhaben, das häufig mit dem Totschlag-Argument der Arbeitsplätze der Nahrungsmittelindustrie im Keim erstickt werden soll. Es scheint, als ginge es um Milliardensummen und Macht, nicht um die Gesundheit und das Glück der Menschen. Auch mit der freien Entscheidung der Menschen zu argumentieren, ist scheinheilig. Denn ist es Freiheit, wenn durch geschickte Manipulation krank machendes Essen Zugang auf unsere Teller findet? Freiheit braucht Ehrlichkeit und Transparenz.